Der letzte Rest vom Schützenfest

Mikrofon vor einer leeren Tanzfläche
Wann gehts wieder los?

Was kommt eigentlich nach dem Lockdown? Wird die Kultur Szene, werden die Clubs oder gar Hotels, die Gastronomie die aktuell schwere Zeit überhaupt überstehen? Bis zum 31.08.2020 sind nun erstmal definitiv alle Großveranstaltungen untersagt. Was das genau heißen mag? Ok, Festivals werden in dieser Zeit wohl nicht stattfinden. Was wird mit den kleinen Clubs? Wie sollte man denn da überhaupt den Abstand halten? Tanzen mit einer Maske über Mund und Nase? Was wird aus szenenight.de? Viele Fragen. Ich versuche hier für mich und für euch interessierte Leser mal meine eigene Einschätzung der Lage und die Aussicht auf die Zeit danach aufzuschreiben. Dann kann ich, respektive können wir alle in 1-2 Jahren mal schauen, wie es tatsächlich gelaufen ist. Übrigens: Tim Meister die Kiste Bier geht auf mich.

Warum? Wir hatten gleich zu Anfang der Krise um eine Kiste Bier gewettet, dass die Schließung für Clubs maximal 3 Wochen andauert oder eben länger. Die Frage ist nun zumindest derart geklärt, dass die 3 Wochen bereits locker um sind. Ok schauen wir mal zunächst auf was das war:

 

Das was war

Ausgangslage für viele Clubs aber auch Festivals war eine starke Konkurrenz Situation untereinander und eben mit neuen Unterhaltungsarten. Tinder, Netflix oder Eis.de – warum sollte man denn noch aus dem Haus gehen, in den Club / in die Disco um jemanden kennen zu lernen? Musik hören? Hey, mal Spotify an und Streame so viel du kannst. Der demografische Wandel, der Zahn der Zeit – all das nagte an den in den 90er und 2000er Jahren so erfolgsverwöhnten Veranstaltern/Club Betreibern. Clubs/Discos mussten schließen. Nicht zuletzt musste in Bremen das Stubu schließen. Reserven bzw. Rücklagen waren also im Überlebenskampf schon angenagt oder aufgefressen.

Bei den Hotels? Eine etwas andere Situation. Hotels & Reisen boomten. Es wurden in den letzten Jahren so viele Touristen wie noch nie in Bremen gezählt. Immer neue Hotels und damit Betten entstanden in Bremen. Wie zuletzt im Bremer City Gate gleich 2 neue Hotels eröffneten. Trotz der hohen Nachfrage an Betten ist auch hier ein Preis und Verdrängungswettbewerb entstanden, der durch die stetig notwendigen Inventionen fielen die Möglichkeiten nahm in der fetten Zeit Reserven anzulegen.

Ganz anders die Gastronomie. Trotz Lieferservice, Netflix & Co. sind die Menschen immer öfter essen gegangen. Wenn ich selbst mal an meine Kindheit zurückdenke, dann kann ich mich an nur wenige Besuche in der örtlichen Kneipe erinnern – in den letzten Jahren aber, sind Annemarie und ich fast regelmäßig 1 bis 2 Mal die Woche essen gegangen. Im Gegensatz zu den Hotels sind aber kaum neue Restaurant entstanden. Selbst Ketten wie Burger King oder Subway haben eher Filialen geschlossen. Entsprechend war hier in den letzten Jahren eher eine gute Zeit. Haben sich Gastro-Betreiber nun ein fettes Polster angefressen? Ich würde sagen zum Teil ja. Selbst jetzt können Sie, im Gegensatz zu einem Club, durch geschicktes handeln weiter Geld verdienen, in dem sie z.B. liefern oder „To Go“ verkaufen. Die Auto-Schlangen vor dem MC Drive sprechen eine klare Sprache. Auch, wenn es für einige Gastronomen zum Beispiel an der Schlachte vielleicht etwas schlechter aussieht. Pacht muss weiter bezahlt werden, Mitarbeiter in Kurzarbeit. Ich vermute aber trotzdem, dass die Gastwirte am ehesten noch die Zeit überbrücken können.

 

Das was ist

Könnte man jetzt kurz und bündig halten: Alles hat dicht. Aber so ganz stimmt das ja nicht. Wie oben schon geschrieben: Gastronomen haben teilweise umgestellt auf Lieferservice oder Take Away. Klar, Clubs sind zu – und da helfen auch keine Streams (so wie wir mit szenenight.de gleich am ersten Tag des Lockdowns mit dem Aladin zusammen eine kleine Aktion gestartet hatten oder zahlreiche Clubs in Berlin sich zusammen getan haben). Denn in der Krise ist sich jeder selbst erstmal der Nächste – also war die Spendenbereitschaft eher – sagen wir – sehr übersichtlich. Außerdem streamt (gibt es das Wort eigentlich?) aktuell fast jeder. Also sind Ideen für JETZT gesucht. TV NOIR hat aufgezeichnete Live Konzerte gegen freiwillige Bezahlung live noch einmal gezeigt. Aber hilft das oder ist das nur ein Tropfen auf einem knall heißen Stein? Und dann sind da ja noch die ersehnten Lockerungen. Fehlanzeige für Festivals, Clubs, Hotels, Künstler, DJs und Gastronomen. Ja klar, auf was kann man am ehesten verzichten? Unbestritten, aber…

Ich möchte an dieser Stelle mal den lieben und geschätzten Arnold Arkenau zitieren.

 

Es ist ignorant und anmaßend zu denken, dass renkt sich nach Corona schon wieder alles ein. Hier auf reine Selbstheilungskräfte zu setzen, ist schlichtweg dumm. Die meisten Künstler*innen und Veranstalter*innen leben sicherlich nicht in Saus und Braus und von den Rücklagen wollen wir gar nicht reden. Auch helfen Kredite, sofern man sie überhaupt bekommt, nur bedingt. Wovon sollen diese denn zurückgezahlt werden? Von den üppigen und satten Gagen und Honoraren, die es für 90 % der Kulturschaffenden gar nicht gibt?
Arnold Arkenau – CEO bei We Can Do It & agentur Internett

 

Ich kann hier aktuell für Szenenight sprechen. Wir haben aktuell 0,0 Aufträge. Keine Partys, keine Werbung, keine Partyfotos, keine Fotografen die unterwegs sind. Die Kosten sind aber trotzdem da. Server, Kamera, Lizenzgebühren, um nur einiges zu nennen. Und hey, damit sind wir noch extrem gut aufgestellt und konnten die Kosten auf das nötigste drücken. Wie soll es nur um einen Club wie dem Aladin stehen? Das Aladin war bereits vor der Corona Krise in einer Insolvenz. Wirklich dramatisch. Das stimmt einem nachdenklich.

Natürlich unterstützen wir alle so den Kampf gegen die Ansteckungsgefahr durch das Corona Virus. Das versteht sich auch von selbst und ich möchte hier auch absolut keine Diskussion führen über weitere Lockerungen oder Verschwörungstheorien zu dem Virus. Aber viele der Kulturschaffenden haben bisher keine Unterstützung vom Staat bekommen (auch wenn dieser ja kurzfristig unterstützen wollte). Bitte versteht mich jetzt nicht falsch, vieles war bisher super und dass wir bisher „nur“ so wenige Betroffene und vor allem Tote haben liegt vermutlich auch genau daran. ABER einige Dinge kann und muss man wirklich besser machen. Ein kleines Beispiel? Geschäfte bis 800 qm dürfen wieder öffnen. Hast du ein Laden mit 850 qm – Pech. Dass du vielleicht die 50 qm einfach absperren könntest oder gar nutzen könntest, um den Abstand der Menschen im Laden viel besser gewährleisten zu können – who cares… Hier müsste man aber mindestens dieses Vorgehen den Menschen etwas genauer erklären. Aber stattdessen kommt erstmal: Nix. Warum? Es gibt noch soviel mehr zu diskutieren… Das würde hier aber den Rahmen sprengen. Gucken wir doch lieber einfach mal in die hoffentlich positive Zukunft.

17.04.2020 – kleines Update nach der Bremer PK: Für die Gastronomie möchte man sich in den nächsten Wochen Gedanken machen, wie es weiter geht. Bei den Veranstaltern sieht man weiterhin große Probleme und den Staat in der Pflicht. TEAM! Toll ein anderer macht´s!

 

Das was kommt

Puh. Jetzt wird es schwierig. Bangen, Ängste, Hoffnung? Auch hier möchte ich jemanden zitieren. Philipp Poisel hat mit seinem Song „Wenn die Tage am dunkelsten sind“ vom Album „Mein Amerika“ im Jahr 2017 ein tollen Song aufgenommen. Das Video (s. unten): Sein Band in einer leeren Konzerthalle:

 

Der Sommer fliegt draußen – fliegt draußen am Fenster vorbei
Und ich steh‘ hier drin und draußen da brütet der Sommer
Vor’m Fesnter und ich flieg‘ in Gedanken zu dir
Und ich lege mich zu dir ins Bett und
Schließ die Augen zu
Wenn die Tage am dunkelsten sind
Sind die Träume sind die Träume am größten
Wenn die Nächte am tiefsten sind
Ist der Morgen ist der Morgen nicht mehr weit
Philipp Poisel

Hoffnung durch Träume nach dem Morgen. Also träumen wir doch mal etwas. Ja was erwartet uns denn, wenn wir wieder dürfen. Wollen wir dann noch? Können wir dann noch? Klar – es wird immer gefeiert und getanzt! Wird es Hotels noch geben? Klar! Kann man noch essen gehen? Logisch! Überall wo eine Nachfrage ist, wird es doch auch ein Angebot geben! Und ich schätze, wenn man dann 2021 vielleicht echt wieder feiern und tanzen gehen kann, ja dann wird das ein wildes „Morgen“ sein, ein Party-Jahr. Mit Love Parade in Berlin, mit langen Schlangen vor den Clubs. Denn eins ist auch klar: Geht es den Menschen nicht so gut, wird auch am Wochenende mehr die Woche versucht zu vergessen. Die spannendste Frage wird aber doch sein: Wann wird man sich das wieder trauen? Gibt es irgendwann eine Lockerung, sodass man mit Mund- & Nasenschutz auch tanzen gehen kann? Will man das? Wird es zunächst kleine Umsonst&Draußen Partys geben? Ich kann es euch aktuell echt nicht beantworten. Wird es dann noch Partyfotos geben? Will das dann überhaupt noch jemand? Sind die Handys mittlerweile nicht schon so gut, als dass man die Fotografen überhaupt noch braucht? Puh wer kann das heute schon mit Gewissheit sagen?

Meine Hoffnung ist diese hier: Silvester 20/21 wird es eine große, gemeinsame tolle Party in ganz Deutschland geben, mit zentralen Feuerwerk-Shows und jeder Menge ausgelassenen, feiernden Menschen, die sich dann auch hoffentlich einfach wieder in die Arme fallen können.

Hier noch das wunderschöne Lied von Philipp Poisel

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Glaubt ihr daran? Habt ihr eine andere Hoffnung? Wie ist eure Meinung? Wie stellt ihr euch das vor? Was fehlt euch am meisten? Habt ihr Ideen? Schreibt mir doch mal in die Kommentare. Teil diesen Beitrag gerne, wenn er euch gefallen hat oder falls auch nicht…

PS: Hey nicht traurig sein, ja auch andere haben es schwer: Kino, Theater, Zoo und und und. Ich glaube stellvertretend für alle die aktuell leiden: Verliert nicht die Hoffnung!

Foto-Quelle: Boris Schmelter (szenenight.de)